Sebastian Jungs skeptischer Aktivismus

Wolfgang Ullrich

Das Konzept und auffälligste Merkmal der Zeichnungen von Sebastian Jung besteht darin, eine Verbindung von Gegensätzlichem auf die Spitze zu treiben. Das Zeichnen, das seit einigen Jahren einen großen Teil seiner künstlerischen Tätigkeit ausmacht, findet bei ihm meist in Serien statt, und durchweg behandeln sie harte Themen: politische Konflikte, soziale Verwerfungen, ökonomische Notlagen. Jung begibt sich dafür an Orte oder zu Ereignissen, wo sie virulent werden, und zeichnet dort ‚live’. Anders als die meisten derjenigen, die mit Kameras oder Smartphones Bilder und Videos machen, verzichtet Jung jedoch ganz auf Ikonografien der Skandalisierung. Vielmehr schafft er eine Distanz zur rauen, oft auch brutalen Wirklichkeit, indem diese auf seinen Zeichnungen eher skurril, manchmal sogar etwas drollig, ja geradezu niedlich anmutet. Die Aggressivität bei vielen Demonstrationszügen kann er mit seinem formelhaft reduzierten Strich genauso rauskürzen wie die Gier, Einsamkeit oder Angst von Leuten im Kaufrausch oder das Elend von Obdachlosen. Zwischen den Sujets und ihrer Darstellung entsteht auf diese Weise also ein starker Kontrast, und beim Betrachten der Zeichnungen ist man mit sehr unterschiedlichen Empfindungen zugleich beschäftigt: getriggert von der Heftigkeit des jeweiligen Themas, beeindruckt vom Mut des Künstlers, der sich beim Zeichnen nicht selten gefährlichen Situationen aussetzt, amüsiert von Kringeln und verrutschten Proportionen, von einer grundkomischen Anmutung des Personals auf den Zeichnungen.

Was aber ist der Sinn dieser Widersprüchlichkeit? In einem Gespräch mit der Kunst- und Medienwissenschaftlerin Annekathrin Kohout beklagte Sebastian Jung im Februar 2020, in der aktuellen Gesellschaft sei man „offenbar gerade nicht sehr ambiguitätstolerant“. Dagegen wolle er angehen. Für ihn sei cool, wer „Widersprüche aushalten“ und „Gegensätze zusammendenken“ könne, um sich schließlich „frei[zu]machen“ und so etwas wie „Autonomie“ zu erlangen.1

Derartige Überzeugungen erinnern an Theoreme antiker Lebensphilosophie, ging es doch etwa auch innerhalb der pyrrhonischen Skepsis darum, jeweils stark Affizierendes gezielt einander entgegenzusetzen, um eine Pattsituation zu erzeugen und so mehr Unabhängigkeit zu erreichen. Bei Sextus Empiricus, einem Philosophen des 2. Jh. n. Chr., der die Philosophie der pyrrhonischen Skeptiker überliefert hat, lautet die Definition von Skepsis, sie sei „die Kunst, auf alle mögliche Weise erscheinende und gedachte Dinge einander entgegenzusetzen, von der aus wir wegen der Gleichwertigkeit der entgegengesetzten Sachen und Argumente zuerst zur Zurückhaltung, danach zur Seelenruhe gelangen“2.

Um Seelenruhe geht es bei Sebastian Jung allerdings nicht, aber darum, durch eine paradoxe Mischung zwischen den heftigen Sujets und ihrer verfremdeten Darstellung ein Nachdenken jenseits ideologischer Voreingenommenheit in Gang zu bringen.

Dabei ist das Zeichnen zuerst für ihn selbst als Einübung – als Exerzitium – einer skeptischen Haltung zu begreifen. Da er keineswegs politisch neutral ist, bedeutet es jedes Mal eine Herausforderung für ihn, zu Demonstrationen zu gehen, bei denen er je nach Fall einzelne oder sogar alle beteiligten Gruppen als Gegner erlebt, oder auch ein Kaufhaus oder eine Messe zu besuchen, obwohl ihn der Zynismus des dort Dargebotenen abstößt. Im Zeichnen aber kann er über seinen eigenen Widerwillen, über bloß negative und blockierende Emotionen hinausgelangen; in der schnellen Folge der Zeichnungen lässt sich ein eigener Rhythmus entwickeln und auf diese Weise eine Unabhängigkeit vom Beobachteten erlangen.

Wer Jungs Zeichnungen betrachtet, wird aus der Vielzahl von Blättern, die es von einem Ort oder Ereignis jeweils gibt, erst einmal auf die unmittelbare Zeugenschaft des Künstlers schließen. Dass die Zeichnungen aber gerade keinem Realismus verpflichtet sind, Jung mit ihnen also nicht noch mal eigens anklagen, protestieren, karikieren will, eröffnet dann die Chance, sich seiner eigenen ideologischen Fixierungen bewusster zu werden. Tatsächlich wird man von Jung auf die Probe gestellt, ob man es schafft, sich von festen Meinungen zu lösen, um so auch die daraus resultierenden, oft nur reflexhaften Überreaktionen endlich einmal hinter sich zu lassen und einen klareren Kopf zu bekommen.

Ein solcher Moment der Irritation und Verfremdung kann also genügen, um einen ‚Hot Spot’ der Gesellschaft ein wenig herunterzukühlen und neue Handlungsmöglichkeiten freizuspielen. Begünstigt wird das dadurch, dass Sebastian Jung nicht nur innerhalb einer Serie verschiedene Akteure und Gruppen abbildet, sondern erst recht im Verlauf mehrerer Serien ein breites Spektrum von Milieus als Sujets wählt. Zeichnet er also einmal eine Demo von Corona-Leugnern, nimmt er sich ein anderes Mal diejenigen vor, die diese ihrerseits blockieren. Und sowohl Linke als auch Rechte, „Besorgte Bürger“ genauso wie Leute der „Black Lives Matter“-Bewegung oder auch die Antifa kommen auf seinen Zeichnungen vor. So erscheinen Gruppen, mit denen man sympathisiert oder denen man sogar selbst angehört, gleichermaßen als Ansammlung leicht bizarrer Figuren mit schrillen Grimassen und ungelenken Extremitäten wie diejenigen, die ganz andere Ansichten vertreten. Und kann man darüber nicht einfach auch einmal lachen? Tatsächlich ist Lachen gesund, es lockert auf, ist das beste Mittel gegen Verhärtung und eine Wagenburgmentalität. Es schafft die Grundlage für Ideologiekritik.

Damit sind Jungs Zeichnungen zugleich antipopulistisch, vor allem aber stehen sie im Kontrast zu den heute dominierenden aktivistischen Bildprogrammen. Denn statt bestehende Überzeugungen nur noch weiter zu affirmieren und sich lediglich an Gleichgesinnte zu richten, um deren Zusammengehörigkeitsgefühle zu stärken, variiert Jung mit seinen Zeichnungen die bereits vor Jahrhunderten begonnene Tradition, Kunst für diplomatische Zwecke fruchtbar zu machen. Prominent schuf etwa Peter Paul Rubens Werke, die bei Friedensverhandlungen eingesetzt wurden und bei denen allegorisch-vieldeutige Darstellungen für große Interpretationsspielräume sorgen sollten, damit sich die Gegner im Gespräch darüber probeweise unverbindlich annähern konnten.3

Da Sebastian Jungs Zeichnungen in den von ihm initiierten Thinktanks, in denen er hinsichtlich ihrer Profession und Weltanschauung ganz unterschiedliche Menschen versammelt, zum Ausgangspunkt von Texten und Statements werden, können sie auf ähnliche Weise auflockernd und stimulierend wirken und einen Weg zu mehr Verständigung bahnen. Statt mit Vieldeutigkeit sorgt Jung aber mit Effekten der Distanzierung für Entlastung und Befreiung. Damit besteht die Hoffnung, dass hinter all den ideologisch-emotionalen Auseinandersetzungen die sozialen und ökonomischen Unwuchten sichtbarer werden, die Jung zum Thema seiner Zeichnungen macht. Und damit erhalten diese ihrerseits doch auch eine politisch-aktivistische Dimension. Je mehr sie dazu beitragen, dass sich Wahrnehmungen und daraufhin Handlungsweisen ändern, desto eher verkörpern sie einen in dieser Form neuen skeptischen Aktivismus.

1 Kohout, Annekathrin (2020). „Kunst und Empathie: Interview mit Sebastian Jung über Einkaufen, Traurigkeit, Rechtspopulismus, Ostdeutschland, Kunstfreiheit“. Zugriff am 19.03.2021 unter https://sofrischsogut.com/2020/02/19/kunst-und-empathie-interview-mit-sebastian-jung-ueber-einkaufen-traurigkeit-rechtspopulismus-ostdeutschland-kunstfreiheit/.

2 Empiricus, Sextus (1985). Grundriss der pyrrhonischen Skepsis, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 94.

3 Heinen, Ulrich (2016). „Der Stil des Politischen. Das zivile Leben als sein Grund, sein Merkmal und seine Norm um 1600“. In Dietrich Erben & Christine Tauber (Hrsg.), Politikstile und die Sichtbarkeit des Politischen in der Frühen Neuzeit. Passau: Klinger, S. 129–156.